„Schrottankauf“ steht in großen Lettern oben an der Lagerhalle, vor der Kaufland seine erste Abholstation für Online-Lebensmitteleinkäufe festgeschraubt hat – aber das ist bestimmt kein schlechtes Omen, sondern bloß ein dummer Zufall. Seit Mitte der vergangenen Woche ist der erste Draußenkühlschrank der Hauptstadt in Betrieb und wird von den Fahrern des kürzlich gestarteten Kaufland-Lieferservices befüllt (bzw. als Parkgelegenheit während der Mittagspause genutzt).
Und Sie können von Glück sagen, dass ich das Ding bei meinem Testeinkauf vor ein paar Tagen nur ganz kurz kaputt gemacht habe. (Sorry, Kaufland! Mehr dazu gleich.)
Im Gegensatz zu vielen DHL-Packstationen und Amazon „Locker“ ist die Kaufland-Variante ein ganzes Stück wuchtiger und hat nicht nur eine ganz schön große Klappe, sondern gleich 60. Damit auch ein Großeinkauf reinpasst. Und zwar in drei verschiedenen Temperaturzonen, mit denen die Box zugleich als Kühltheke und Gefriertruhe funktioniert.
(Dass sie „die größte ihrer Art in Deutschland“ ist, wie Kaufland stolz pressgemeldet, liegt freilich auch daran, dass sich die Liebe der Supermärkte zu Lebensmittel-Abholstationen hierzulande bislang in Grenzen hielt – anders als z.B. im europäischen Ausland.)
Die Technik stammt vom Start-up Emmasbox, das nach der eher kleinen österreichischen Kette Unimarkt (siehe Supermarktblog) mit Kaufland einen ziemlich großen Partner für Deutschland an Land gezogen hat. In Österreich gehört inzwischen auch Interspar zu den Emmasbox-Partnern und nimmt nach Wien demnächst eine weitere Abholbox bei Salzburg in Betrieb.
Schneeweiße Vorratskammer
Zielgruppe sind – wie bei Rewes an Supermärkte angedockte Abholstationen – vor allem Kunden, die zwar online Lebensmittel bestellen, aber nicht zuhause auf den Bringdienst warten wollen, sondern den Einkauf lieber selbst einsammeln.
Deshalb steht die erste Kaufland-Abholbox auch am Rande von Berlin: auf einem Parkplatz eines Getränkemarkts, der zu dem Kaufland im daneben gelegenen Einkaufscenter gehört, das im Bezirk Schöneweide die Ausfallstraße schmückt, auf der jeden Tag zahlreiche Berufspendler unterwegs sind. Und die mit dem Auto künftig direkt vor die schneeweiße Vorratskammer fahren können. (Zum Vergrößern anklicken.)
Die Box hat – anders als Amazons Locker – zwar keinen eigenen Namen; falls sich Kaufland aber noch zur Taufe entschließen sollte, wäre „Kopfsalat“ ein schöner Vorschlag:
Die Benutzung ist einfach: Lieferservice-Kunden legen bei der Online-Bestellung wie gewohnt die Artikel in den virtuellen Einkaufswagen und wählen statt der Heimlieferung einfach die Adresse der Abholstation aus. Der Mindestbestellwert liegt bei lediglich 20 Euro (statt 40 Euro wie bei der Belieferung). Die Abholung eignet sich also auch für kleinere Einkäufe, wenn abends schnell was gekocht werden soll und ein Wein dazu auf den Tisch kommt.
Nicht mal Gebühren für Bereitstellung oder Kommissionierung verlangt Kaufland derzeit. (Dass das so bleibt, ist eher unwahrscheinlich.)
Jugendschutz per Kartenratsche
Momentan gibt es zwei Abholfenster zur Auswahl: von 7 bis 14 Uhr bzw. von 14.30 bis 24 Uhr. Kaufland hat bereits angekündigt, die Zeiten den Bedürfnissen der Kunden anzupassen, wenn genügend Informationen über die Nutzung vorliegen.
Kurz vor der reservierten Abholzeit kommt eine Übersicht der eingelegten Artikel per Mail, dazu gibt’s einen sechsstelligen Zahlencode, mit dem die Fächer geöffnet werden. (Auf QR-Codes und Strichcodes wird verzichtet.)
Artikel, bei denen der Händler verpflichtet ist, Jugendschutzauflagen zu kontrollieren (Alkohol, Zigaretten) werden ausgelöst, indem der Kunde seine EC-Karte oder den Personalausweis durch die Kartenratsche unter dem Display zieht.
Dann gehen in der Regel mehrere Fächer nacheinander auf, in denen Kaufland die Produkte je nach Temperaturzone in Papiertüten verstaut hat. Das sieht nicht ganz so hübsch aus wie auf dem cleanen Pressefoto.
Aber es liegt Schokolade als Dankeschön für die Bestellung bei. Und die Tempotaschentücher sind glücklicherweise auch nicht gefroren.
Damit wäre der Abholeinkauf eigentlich erledigt. Sofern die Station nicht kurzfristig Lust bekommt, den Kunden noch mit einem Spiel herauszufordern: Neue Fächer gehen eigentlich nur auf, wenn die Einkaufstüte(n) aus der vorigen Schublade rausgenommen und diese wieder zugeschoben wurde. Manchmal aber auch dann, wenn schon sämtliche Einkäufe die Hütte verlassen haben. Und man auf neun Metern von einer Ecke zur nächsten marengilzert, um die Laden wieder zuzukriegen, während sich der per Videoüberwachung zugeschaltete Kundenservice wahrscheinlich gerade in der Mittagspause kaputtlacht.
Have you tried turning it off an on again?
So lange bis die letzte Schublade gar nicht mehr zugeht. Und der per Telefon informierte Kaufland-Mitarbeiter die Station per Fernsteuerung einmal runter- und gleich wieder hochfahren muss, während sich beim Zusehen in Gedanken ein Erinnerungs-Best-of heimischer Computer-Fiaskos abspielt.
(Kleiner Tipp: mit sanftem Hüftdruck schließen die Schubladen am besten. Oben brauchen Sie halt ein Leiterchen.)
Mit seiner Abhol-Initiative wagt Kaufland den ersten großen Aufschlag für Lebensmittel-Boxen in Deutschland; weitere Stationen sind nämlich bereits geplant, bestätigt das Unternehmen. Demnächst testet auch Edeka Abhol-Bestellungen in Berlin – allerdings für Pendler ohne Auto: in Kooperation mit der Deutschen Bahn.
Zur Kassenschlangenvermeidung ist das auch nicht unpraktischer als Amazons Hightech-Ladenkonzept Go. Und in ein paar Monaten wissen wir vermutlich, ob sie bei den deutschen Kunden überhaupt ankommen.
Mehr über Abholstationen steht regelmäßig im Supermarktblog.
Fotos: Supermarktblog
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