Dass sich der Reifenhändler Delticom aus dem Geschäft mit Liefer-Lebensmitteln verabschieden würde, war bereits Anfang des Jahres absehbar, als der Kooperationspartner Alnatura bekannt gab, seinen über Delticom betriebenen eigenen Online-Shop nicht weiterzuführen (siehe Supermarktblog). Während die Delticom-Hauptmarke Gourmondo kurz darauf ihren Ausverkauf startete, war beim Markenableger Allyouneed Fresh – noch bis vor kurzem – zu lesen, dass man nach Wartungsarbeiten „gleich wieder zurück“ sein werde.
Eine solche Rückkehr wird es aber – wie zu erwarten war – nicht geben. An diesem Dienstag hat Allyouneed Fresh seine (ehemaligen) Kund:innen darüber informiert, dass die Marke an den Wettbewerber Bünting E-Commerce verkauft worden ist – und eingestellt wird.
Mit myTime.de gehört Bünting (ähnlich wie einst Allyouneed [Fresh]) zu den deutschen Online-Supermarkt-Pionieren und will die Kund:innen des früheren Konkurrenten gerne übernehmen, um sie über seine eigenen Marken (mytime.de und combi.de) zu beliefern:
„Bünting E-Commerce würde sich freuen, Sie demnächst in einem der Online-Shops begrüßen zu dürfen. (…) Ihrer Zustimmung vorausgesetzt [sic], würden wir gerne Ihren Namen und Ihre Email-Adresse an die Bünting E-Commerce weitergeben, so dass Sie auch zukünftig von tollen Online-Angeboten profitieren können.“
Gutscheine für Wechselwillige
Erleichtert werden soll der Transfer durch einen „Willkommensgutschein“ in Höhe von 10 Euro. Wer eine Weitergabe seiner Daten nicht wünscht, braucht nichts weiter zu tun. Allyouneedfresh.de leitet Nutzer:innen bereits direkt auf mytime.de um.
Allyouneed Fresh war 2012 gegründet worden, um dem Online-Lebensmittelhandel in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen (Supermarktblog-Interview von 2013 mit dem damaligen Allyouneed-Chef Jens Drubel).
(Screenshots aus dem Jahr 2013.)
DHL beteiligte sich als Mehrheitseigentümer, um das Geschäftsfeld mit zu entwickeln und darüber weitere Handelsunternehmen für seine Logistikdienstleistungen zu gewinnen. Später übernahm der Konzern den Online-Supermarkt komplett, integrierte ihn in sein Angebot und taufte ihn in Allyouneed Fresh um.
Delticom übernahm Allyouneed Fresh schließlich 2018 von DHL, weil man sich in Bonn plötzlich „wieder auf unser Kerngeschäft als Logistiker (…) konzentrieren“ wollte. Gleichzeitig hieß es von der Post-Tochter damals noch: „Unsere Einschätzung zum Potenzial des Lebensmittel-Onlinehandels bleibt weiter positiv – mehr und mehr Unternehmen engagieren sich in diesem Marktsegment, das sich deshalb dynamisch entwickelt und noch sehr viel Wachstumspotenzial hat.“ Ein Jahr später verabschiedete man sich auch vom Geschäft der Zustellung frischer Lebensmittel über DHL Food Delivery und erklärte das Gegenteil, nämlich:
„dass der Markt für online bestellte, frische Lebensmittel bis dato weit hinter den Erwartungen zurück bleibt.“
Diese Einschätzung dürfte obsolet sein, seitdem die Corona-Krise den Markt für Liefer-Lebensmittel förmlich hat explodieren lassen. Der E-Commerce-Verband bevh meldete für April 2020 ein Umsatzplus von 101 Prozent bei online gekauften Lebensmitteln und ein Plus von 55 Prozent für im Netz bestellte Drogeriewaren.
Gut möglich, dass dieser unerwartete Ansturm auch Allyouneed Fresh und Gourmondo neues Leben hätte einhauchen können – wenn seitens Delticom nicht kurz zuvor die Einstellung beschlossen worden wäre.
Markt für Liefer-Lebensmittel sortiert sich neu
In jedem Fall sortiert sich der Markt für Liefer-Lebensmittel in Deutschland derzeit neu. Amazon hat gerade bekannt gegeben, seinen separaten Lieferdienst Pantry, mit dem haltbare Lebensmittel per Paket bestellt werden konnten, zum 30. Juni einzustellen. Kund:innen wird empfohlen, zu den Diensten Prime Now und Amazon Fresh zu wechseln (die freilich in ihrer regionalen Verfügbarkeit stark eingeschränkt sind und deshalb für viele Ex-Pantry-Besteller:innen kaum ein adäquater Ersatz sein dürften).
Mit myTime.de gehört Bünting künftig zu den wenigen Anbietern, die Lebensmittel noch per Paketdienst zustellen.
Das Liefer-Start-up Getnow testet seit kurzem ebenfalls den bundesweiten Lebensmittel-Versand per DHL (siehe Supermarktblog). Aktuell ist der als befristetes Pilotprojekt gestartete Dienst weiterhin nutzbar.
Was aus Gourmondo wird, ist noch unklar: Auf der Website wird angekündigt, dass es „in Kürze weitergehen“ soll – vermutlich ebenfalls unter neuem Eigentümer. (Vorübergehend wurde auf der Seite eine Partnerschaft mit dem Webshop Hagen Grote – Kochen und Genießen aus Krefeld angedeutet.)
Liefery will Lebensmittel wie Instacart kommissionieren
Gleichzeitig erweitern Dienstleister ihr Angebot an Handelsunternehmen: Der Berliner Same-Day-Spezialist und DHL-Konkurrent Liefery will seine Kurierfahrer:innen künftig auch die Kommissionierung von Einkäufen in den Läden seiner Auftraggeber aus dem Lebensmitteleinzelhandel übernehmen lassen, um die Unternehmen zu entlasten – ähnlich wie Instacart in den USA (alle Infos: siehe Supermarktblog).
Das Ziel von Allyouneed Fresh scheint derweil Realität zu werden: Selbst im Supermarkt-überversorgten Deutschland gewöhnen sich immer mehr Kund:innen daran, einen Teil ihrer Wocheneinkäufe online zu erledigen.
Dass sich der Pionier, der diese Entwicklung mit angestoßen hat, ausgerechnet in diesem Moment verabschiedet, ist eine bittere Ironie.
Foto: Supermarktblog, Screenshots (2013): allyouneed.com/Smb

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Der Beitrag Bünting kauft Allyouneed Fresh von Delticom und stellt die Marke zu Gunsten von myTime ein erschien zuerst auf Supermarktblog.