Sicherlich kennen Sie das Sprichwort: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsches Essen. (Oder so.) Dieses Sprichwort wird aussterben. Und im britischen Channel 4 hat der moderierende Landwirt Jimmy Doherty kürzlich erklärt, warum (Trailer bei Youtube ansehen). Dafür ist er ins Verteilzentrum der großen britischen Supermarktkette Morrisons gefahren, um sich anzusehen, wie dort die “Picker” arbeiten – also die Leute, die mit dem Automatikstapler von einem Regal zum nächsten sausen, um vom Computer angesagte Produkte für die Paletten einzusammeln. Und um sich vom Lagerleiter einweihen zu lassen, was dieser Job mit der Wettervorhersage für die nächsten Tage zu tun hat.
Die gehört für viele Supermarktketten inzwischen zu den wichtigsten Kriterien für die tägliche Planung. Weil sie mitentscheidend dafür ist, zu welchem Regal die “Picker” gelotst werden, um die wöchentlich 3,5 Millionen Paletten zu füllen.
Damit immer die richtigen Produkte im Laden liegen, gleicht Morrisons seine Kassendaten mit dem Wetter ab – bis zu fünf Jahre rückwirkend. Aus den Ergebnissen lässt sich schlussfolgern, was die Kunden das nächste Mal kaufen wollen, wenn es draußen regnet, schneit oder die Sonne scheint.
Gut, die Wahrscheinlichkeit, dass im Dezember plötzlich die Eiswürfelnachfrage durch die Decke geht, ist eher unwahrscheinlich. Und dass vor Silvester der Sektvorrat aufgestockt sein sollte, versteht sich von selbst. Zumindest bräuchte es dafür keine aufwändige Datenauswertung.
Weil unser Einkaufsverhalten aber oft ganz und gar nicht mit gesundem Menschenverstand zu erklären ist, helfen die Statistiken den Supermärkten sehr wohl: um nämlich die Bestseller zu identifizieren, auf die man von alleine nicht gekommen wäre. Katzenstreu zum Beispiel ist bei Morrisons der Renner, wenn’s draußen kalt ist – weil die Kunden wohl annehmen, dass ihre Haustiere lieber drinnen bleiben wollen. Außerdem kaufen die Leute wie bescheuert Spülmaschinensalz – vermutlich als Alternative zum teureren Streusalz, um die Einfahrt freizueisen. Was allerdings ein Irrtum ist, wie Doherty aufklärt: Spülmaschinensalz löst kein Eis auf. (Jedenfalls britisches.)
Außerdem ermöglicht die Auswertung den Supermärkten eine viel feinere Abstimmung der Vorräte, die aus dem Großlager an die Märkte geliefert werden. Dass die Kunden Grillgut, Ketchup, Bier und Kohle einkaufen, wenn’s draußen Sommer wird, ist klar. Morrisons weiß aber auch ganz genau, wann: sobald drei warme Tage aufeinander gefolgt sind und die Temperatur 18 Grad übersteigt.
Dann stellt nicht nur das Lager seine Lieferungen um, sondern auch die Fleischfabrik ihre Produktion, hat sich Doherty erklären lassen. Anstatt weiter Hackfleisch herzustellen, laufen bei entsprechender Wettervorhersage vor allem Burger vom Band. In der Morrisons-Fleischfabrik sind es in einer normalen Winterwoche 300.000; im Sommer 1,2 Millionen. Jedenfalls wenn nicht gerade Pferdefleischskandal ist.
Wie schnell das gehe, wollte der Channel-4-Moderator vom Fabrikleiter wissen. Und der meinte: Ein paar Minuten würden sie dafür schon brauchen.
Dieses Wissen ist natürlich von Vorteil für die Supermärkte, weil sie durch zielgenaue Produktion und Belieferung Geld sparen, indem sie weniger Ware produzieren, die im Regal liegenbleibt – und evtl. weggeschmissen werden muss.
Für die Kunden ist es praktisch, weil sie dann nicht umsonst zum Einkaufen fahren. Oder wie’s Doherty formuliert hat:
“Wenn sich die Temperatur ändert, wissen die Unternehmen, was wir kaufen – früher als wir selbst.”
Genau das ist aber auch das Problem. Weil’s nämlich unangenehm wird, sobald die Supermarktketten ihre gesammelten Daten nicht mehr anonym auswerten. Morrisons weiß nicht nur, wie sich das Kaufverhalten seiner Kunden bei einem ganz bestimmten Wetter ändert – sondern auch, wie das Kaufverhalten seiner Kunden in einer ganz bestimmten Stadt (und sicher auch: in einem ganz bestimmten Laden) ändert. Bis zur Erkenntnis, dass Sie bei Regen immer den Vorrat an Choco Crossies aufstocken, ist’s da kein weiter Weg mehr.
Wie und ob Morrisons eine solche “Überwachung” oder den Missbrauch personenbezogener Daten ausschließt – das hat Doherty leider vergessen zu fragen.
Screenshots: Channel 4